INTERVIEW MIT MONICA VONDER MÜHLL-RAMSEIER

«Wir sehen uns als ‘Brückenbauer*innen’ zwischen der Medizin, Technik und Pädagogik»


Monica Vonder Mühll-Ramseier leitet den Audiopädagogischen Dienst (APD) im Bereich Vorschule und Eingangsstufe und ist in einem kleinen Pensum selbst tätig als Audiopädagogin. Im Interview gibt sie Einblick in die aufsuchende Arbeit des APD, dessen Entwicklungen in den letzten 50 Jahren und in naher Zukunft.

 

Was bedeutet dir das 50-jährige Jubiläum des Audiopädagogischen Dienstes?

Das 50-jährige Bestehen bedeutet mir sehr viel und ich bin stolz, seit 25 Jahren ein Teil des Teams zu sein. Über all die Jahre hat der APD eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht und ist stetig gewachsen.

 

«Eine frühe Erfassung, Konsultationen bei Verdacht bei Kinder- oder HNO-Ärzten und die Versorgung mit technischen Hilfsmitteln ist entscheidend für die Entwicklung hörbeeinträchtigter Kinder.»

 

Warum ist die audiopädagogische Arbeit so wichtig?

Der Audiopädagogische Dienst ist ein ambulanter Dienst und wichtiges Bindeglied zwischen Medizin, Technik und Pädagogik. Wir sehen uns als «Brückenbauer*innen» zwischen den verschiedenen Disziplinen. Unser Augenmerk richten wir dabei immer auf die Bedürfnisse des hörbeeinträchtigen Kindes/Jugendlichen.

Das Zusammenspiel zwischen Medizin, hörtechnischer Versorgung und Pädagogik greift früh. So betreuen wir bereits 6-wöchige Babys, die uns nach auffälligen Tests nach der Geburt von Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten (HNO) gemeldet werden. Eine frühe Erfassung bedeutet für hörbeeinträchtige Kinder eine gute Chance, mit Hörgeräten oder CI (Cochlea Implantat), Hören und Sprechen zu lernen. Dies in einer frühen Phase, die für die Reifung der Hörbahnen im Gehirn und damit auch für die ganze Sprachentwicklung entscheidend ist.

Wie sieht eure Arbeit genau aus?

Wir betreuen hörbeeinträchtigte Kinder, Jugendliche und deren Umfeld von der Geburt bis zum Abschluss der ersten Berufsausbildung, des Gymnasiums oder einer Wirtschafts-/Fachmittelschule. Aktuell sind es 240 Kinder und Jugendliche (Kanton Aargau). Die Arbeit geschieht aufsuchend in den Familien und in der Schule, in der Klasse oder im Einzelsetting.
Das Umfeld des Kindes/Jugendlichen wird miteinbezogen. Die Eltern sind dabei ausserordentlich wichtige Personen. Wir fördern die gesamte Entwicklung der Kinder, mit besonderem Augenmerk auf Hören und Sprechen und beraten KITAS und Lehrpersonen spezifisch auf die Hörbeeinträchtigung. Weiter beurteilen wir die Raumakustik in Schulzimmern, optimieren die Sitzplätze der Schüler*in und die Lichtverhältnisse, damit das Absehen von den Lippen einfacher und die Mimik besser sichtbar wird.

Im Vorschulbereich bieten wir die beiden Gruppengefässe «Krabbelgruppe» und «Fördergruppe /Spielgruppe» an. Hier können sich hörbeeinträchtige Kinder und deren Eltern regelmässig austauschen. Viermal jährlich finden am Landenhof Kinder- und Familienanlässe zu verschiedenen Themen statt.

Lehrpersonen der Regelschule, die ein hörbeeinträchtigtes Kind in der Klasse haben, bieten wir im Rahmen eines Workshops Einblick in die Schwerhörigenschule Landenhof. Gleichzeitig erhalten sie die Möglichkeit, ihr Wissen auf den Gebieten «Pädagogik für Schwerhörige und Gehörlose» und «technische Hilfsmittel» aufzufrischen.

Junge Erwachsene, welche eine Lehre antreten, ein Gymnasium oder eine Wirtschafts-/ Fachmittelschule besuchen, werden durch unseren Stützpunkt Gymnasium/ Mittelschule auf ihrem Weg unterstützt.

Weitere Informationen zu unserem vielfältigen, bunten Berufsfeld gibt es unter www.audiopädagogik.ch

Wo liegen die Herausforderungen?

Es braucht seitens der Audiopädagog*innen eine enorme Präsenz, um bei Bedarf zeitnah ins System einzugreifen, damit sich das hörbeeinträchtigte Kind seinen Möglichkeiten entsprechend entwickeln kann. Eine weitere Herausforderung ist tatsächlich auch die Planung und Koordination unserer Einsätze: an verschiedenen Orten im Kanton Aargau, abgestimmt auf die Stundenpläne der Kinder und die freien Zeitfenster der berufstätigen Eltern.

Eine frühe Erfassung, Konsultationen bei Verdacht bei Kinder- oder HNO-Ärzten und die Versorgung mit technischen Hilfsmitteln ist entscheidend für die Entwicklung hörbeeinträchtigter Kinder. Eltern sollen/dürfen den Mut haben, sich bei auffälligen Beobachtungen frühzeitig bei Ärzten zu melden!

 

«Der Moment, wenn ein hochgradig schwerhörig geborenes Kleinkind durch ein technisches Hilfsmittel das erste Mal zu hören beginnt, berührt mich auch nach 25 Jahren im Beruf immer noch tief!»

 

Was sind die schönen Seiten deiner Arbeit?

Ich arbeite im Frühbereich und bin bei Diagnose-Eröffnungen mit den Eltern in der HNO-Klinik dabei. Mich erfüllt es sehr, die Eltern und ihre Kinder auf ihrem gemeinsamen Weg zu begleiten und zu unterstützen. Und zu sehen, welche Fortschritte die Kinder machen. Der Moment, wenn ein hochgradig schwerhörig geborenes Kleinkind durch ein technisches Hilfsmittel das erste Mal zu hören beginnt, berührt mich auch nach 25 Jahren im Beruf immer noch tief!

Was hat sich in der audiopädagogischen Arbeit während der letzten 50 Jahre verändert?

In der Technik, konkret auf dem Gebiet der Hörhilfen und Hörprothesen hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan.

Vor 15 Jahren wurden hörbeeinträchtigte Kinder durchschnittlich im Alter von 2-3 Jahren erfasst. Heute werden uns die Babys durch das Neugeborenen-Hörscreening bereits kurz nach der Geburt gemeldet. Dies ist für die Hör- und Sprachentwicklung ein entscheidender Vorteil.

Fortschritte in Technik und Medizin und neue Ansätze in der Pädagogik und der gesellschaftliche Wandel haben dazu geführt, dass heute bedeutend mehr hörbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche die Regelschule besuchen. Dadurch hat die Begleitung und Betreuung durch den Audiopädagogischen Dienst an Bedeutung gewonnen und sich unsere Arbeit ständig weiterentwickelt.

Was wird sich in den nächsten Jahren noch verändern?

Technisch wird es weitere Verbesserungen und Optimierungen bei den Hörgeräten und Cochlea-Implantaten geben, welche Hörbeeinträchtigten den Alltag erleichtern werden.
Weil eine frühe Erfassung der Hörbeeinträchtigung, die Versorgung mit den entsprechenden technischen Hilfsmitteln und eine gezielte Förderung für die Entwicklung eines hörbeeinträchtigten Kindes zentral ist, wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Medizin, Technik, Pädagogik und APD weiter gestärkt werden.

Was gilt es für Hörende in der Kommunikation mit hörbeeinträchtigten Menschen zu beachten?

Hörbeeinträchtigte und Gehörlose brauchen trotz Hörhilfen unterstützend die Lippenbewegungen und Mimik des Gegenübers und/oder die Gebärdensprache, um zu verstehen und kommunizieren zu können. In der Kommunikation mit Schwerhörigen gilt grundsätzlich:

·        Sätze klar und deutlich formulieren

·        Nicht zu schnell sprechen.

·        In normaler Lautstärke sprechen.

·        Während des Sprechens Blickkontakt halten.

Dass aktuell viele Menschen zum Schutz vor dem Coronavirus Gesichtsmasken tragen, bedeutet für Hörbeeinträchtigte eine extreme Einschränkung in ihrer Kommunikation. Wer auf eine hörbeeinträchtige Person trifft, hilft ihm/ihr, indem man – natürlich unter Einhaltung des Mindestabstandes – die Maske runternimmt oder eine transparente Maske trägt. Ganz grundsätzlich wünsche ich mir gegenseitige Rücksichtnahme in der Kommunikation.

 

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