Interview mit Markus Wyss, Rektor BSFH Zürich

«Jugendliche aus dem Landenhof kommen mit einem Selbstbewusstsein zu uns»

Die Kooperation mit der Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung ist eine langanhaltende Erfolgsgeschichte. Aus Markus Wyss’ engagierten Voten wird deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit mit dem Landenhof ist.

 

Markus Wyss, rund 220 Jugendliche besuchen momentan die Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung BSFH in Zürich-Oerlikon. Mit welchen Handicaps haben sie zu kämpfen?

Neben Hörbeeinträchtigten und Gehörlosen lernen bei uns Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen und solche mit Sprach- und Sehbehinderungen – Menschen, die in der Regelschule aus kommunikativen Gründen nicht mithalten könnten. In der Regelschule haben Schwerhörige in vielen Situationen Schwierigkeiten, mitzukommen. Viele «laufen» im Unterricht einfach mit. Nur schon eine Gruppenarbeit strengt sie enorm an. Meines Erachtens ist die Inklusion von Gehörlosen und Schwerhörigen Wunschdenken. Man kann vielleicht in strukturierten Unterrichtssituationen einen gewissen Grad an Inklusion erreichen, aber bestimmt nicht im gesamten schulischen Kontext mit Pausen und sozialem Austausch. Keinesfalls sollte man den Erfolg von Inklusion mit Schulnoten messen. Man muss auch die sozial-emotionale Komponente berücksichtigen. Weil die Jugendlichen, die die BSFH besuchen, hier ihresgleichen treffen, können sie viel besser so sein, wie sie sind. Das hilft ihnen enorm, sich zu entwickeln.

 

Was bietet die BSFH?

Wir machen das ganze Angebot der öffentlichen Schulen – nur eben für Lernende mit Handicaps: Nach Abschluss der drei- oder vierjährigen Lehre das eidgenössische Fähigkeitszeugnis EFZ, nach Abschluss der zweijährigen Lehre das eidgenössische Berufsattest EBA. Ausserdem kann man bei uns sogenannte Praktische Ausbildungen (PrA) nach INSOS, dem Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderungen, abschliessen. Die PrA sind niederschwellige Berufsbildungsangebote, die stark auf die individuellen Ressourcen der Jugendlichen ausgerichtet sind. Weiter bieten wir Vorlehren an und man kann bei uns die Berufsmaturität in allen Ausrichtungen abschliessen.

 

Ihre Schule ist im Gegensatz zu öffentlichen Berufsschulen nicht nur auf wenige Berufe spezialisiert. In der BSFH lehren Sie über 90 verschiedene Berufe. Welche?

Wir bieten die ganze Palette von Berufsausbildungen an. Einen Schwerpunkt bilden gewerblich-industrielle Berufe wie zum  Beispiel Schreiner, Maler, Köche, Fachangestellte Betriebsunterhalt oder Logistiker. Daneben bilden wir aber auch Kaufleute aus. Zunehmend mehr Jugendliche lassen sich als Fachangestellte Gesundheit oder Betreuung ausbilden. Speziell ist: Wir organisieren den Unterricht nach Eingang der Anmeldungen. Wenn sich etwa ein angehender Milchtechnologe mit Lehrstelle anmeldet, suchen wir die entsprechende Lehrperson, die die Kompetenz hat, den Jugendlichen auszubilden. Die Berufskunde wird den Lernenden in Kleingruppen oder im Einzelunterricht vermittelt. Die allgemeinen  Fächer lernen sie ebenfalls in Kleingruppen. Das ist personalintensiv. So sind bei uns rund 130 Lehrpersonen – teils mit Kleinstpensen – engagiert.

 

Bitte erläutern Sie uns, wie der Alltag an der Berufsschule aussieht.

Um 8 oder um 8.50 Uhr beginnt der Unterricht. Kurz vorher treffen sich die Schülerinnen und Schüler im Aufenthaltsraum unserer Schule. Am Morgen ist häufig Berufskunde angesagt, am Nachmittag besuchen sie die allgemeinbildenden Fächer. Die Berufsmaturitätsschüler, die KV-Lehrlinge und die Lernenden in Pflegeberufen sind zwei Tage in der Woche bei uns – die anderen Lernenden einen Tag.

 

Mit dem Slogan «mit fairen Chancen  zum Beruf» unterstreichen Sie die Ausrichtung der BSFH. Schwerhörige sollen in der Berufsausbildung anderen gleichgestellt sein. Was heisst das?

Wir setzen uns dafür ein, die Nachteile der Behinderung auszugleichen. Das heisst aber nicht, dass die Lernenden etwa bei Lehrabschlussprüfungen leichtere Aufgaben  erhalten. Sie sollen vielmehr bessere Bedingungen vorfinden, damit sie die gleichen  Leistungen zeigen können wie Nichtbehinderte. Das kann heissen: 10% mehr Zeit, ein separater Raum oder als zweite Prüfungsperson die Lehrperson der Schülerin, des Schülers, die dank ihrem Mundbild bei Verständnisschwierigkeiten eingreifen kann. Für jede Schülerin, jeden Schüler, reichen wir ein Gesuch um Nachteilsausgleich ein. Die Wahl der Massnahme ist abhängig von den Bedürfnissen einer jeden Schülerin, eines jeden Schülers.

 

Die BSFH ist eine interkantonale Schule. Lernende aus 20 Kantonen besuchen sie. Was muss eine Lernende oder ein Lernender mitbringen, um aufgenommen zu werden?

Unsere Schule ist vornehmlich von der IV finanziert. Die Schülerin, der Schüler braucht neben einer Kostengutsprache der IV einen Lehrvertrag.

 

Wie viele Jugendliche treten vom Landenhof in die BSFH ein?

Insgesamt treten rund 90 pro Jahr ein. Davon kommen schätzungsweise 15 bis 30% vom Landenhof (2016 waren es 28). Weiter unterrichten wir Lernende, die aus der Sekundarschule für Gehörlose und Schwerhörige Sek3 in Zürich-Wollishofen, aus den Sprachheilschulen Riehen, Münchenbuchsee oder St. Gallen, aus Sonderschulen oder aus der Integration kommen.

 

Inwiefern unterscheiden sich Landenhof-Jugendliche von denjenigen, die aus der Regelschule übertreten?

Jugendliche aus dem Landenhof kommen in der Regel mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein zu uns. Sie haben gelernt, mit dem Handicap umzugehen. Sie fragen nach, wenn sie nicht verstehen, und fordern ihre Rechte ein. Denn nur wer sich mit der Behinderung auseinandergesetzt hat, weiss, was er/sie braucht, um mit dabei sein zu können. Vortäuschen von Verstehen führt nicht zum Erfolg, insbesondere am Arbeitsplatz nicht. Auch das Leistungsniveau der «Landenhöfler» ist häufig höher als bei Jugendlichen, die aus der Integration kommen. Für mich ist es sehr schön, mit Jugendlichen aus dem Landenhof zu  arbeiten.

 

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit mit dem Landenhof ein?

Die Zusammenarbeit mit dem Landenhof ist eine langanhaltende Beziehung. Ich schätze sie sehr. Ich kenne den Landenhof und viele seiner Leute seit mehr als 20 Jahren. Wir treffen uns regelmässig an Konferenzen, bei denen wir uns austauschen. Jedes Jahr  organisieren wir an der BSFH ein Weiterbildungsforum – auch für Lehrpersonen, die vom Landenhof kommen. Am Weiterbildungsforum des Landenhofs nehmen dann viele Lehrpersonen der BSFH teil. Am Elternmorgen des Landenhofs informieren wir regelmässig über die Angebote der BSFH. Lehrpersonen des Landenhofs besuchen  uns zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern, um Einblicke in den Berufsschulalltag zu erhalten. Und wir sind bei Gesprächen dabei, die die Ausbildungserfolge der Lehrlinge thematisieren. Uns bringt es viel, wenn wir uns über den Werdegang  einer Jugendlichen mit dem Landenhof austauschen. So können wir Fortschritte erkennen und uns auf eine mögliche Entwicklung einstellen. Wir können den Jugendlichen und den Eltern Perspektiven aufzeigen, wohin die Reise gehen kann.

 

Was könnte noch besser werden?

Uns geht es vor allem darum, dass die Lernenden ihr Potenzial an Begabungen entfalten und nutzen können. Durch das angemessene Setting, das wir den Lernenden bieten können, erkennen wir viel besser, was der Lernende kann. Daran müssen wir seine Schwächen anbinden. Allgemein werden die Schwierigkeiten, die Jugendliche mit Hörbeeinträchtigungen haben, – vor allem auch bei leichten Hörbehinderungen – unterschätzt, selbst von Eltern. Hier kämpfen wir für eine Sensibilisierung. Wir könnten noch offensiver über die Auswirkungen von Hörbehinderungen informieren.

 

Herr Wyss, besten Dank für das Gespräch.

 

Dieser Artikel wurde im Jahresbericht 2016/17 veröffentlicht.

 

 

.hausformat | Webdesign, TYPO3, 3D Animation, Video, Game, Print